Tarot

Wie der Tarot zu mir fand:

wie Mister Tarot zu mir fand

Margret Marincolo

Die besten Dinge widerfahren Dir in der Not. Dann hast Du die Not nötig. Ich auch. Auf meinem Geburtstags-Tiramisu brannten gerade dreissig Kerzen, ich steckte in einem eleganten Versace-Overall und in einer grossen persönlichen Krise. Einige meiner Freunde taten es mir gleich, als sich beim Ausblasen der Kerzen der Kakao auf ihre Gesichter legte. Kräftige Lungen hatte ich schon immer, rassistisch bin ich nicht.

Ich stand – mit meinem Latein am Ende –  vor einem beruflichen Scheiterhaufen.  Eine vielversprechende Beziehung hatte ich gleich mit in die Flammen geworfen. Das Feuer loderte hell und erwischte mich am Schopfe. Als Dickkopf scheute ich mich nicht vor Schmerzen. Doch diesmal waren sie heftig. Das Feuer brannte heiß und schmerzte fürchterlich, während der Strudel meines Schattens versuchte, mich unter Wasser zu ziehen. Ich strampelte mit aller Kraft, um immer wieder mal eine Lunge voll Luft zu schnappen, bevor ich erneut ins Unterwasser abtauchte. Luft schnappen bedeutete Feuer atmen. Untertauchen bedeutete – ertrinken. Scheiß Situation. Du hast wie immer die Wahl, selbst, wenn es zwei Folterkammern sind.

Liebeskummer und keinen Plan, was ich nun mit meinem Leben anfangen sollte. Wenn ich denn überlebte.

Ich suchte Rat bei diversen Hotlines. Du weisst schon: Diese mit der 0900 vorne dran. Ich liess den Telefonhörer glühen, die Abrechnung glühte mehr. 2000 DM. Und so war am Ende vom Geld noch immer ganz viel Monat übrig. Ich habe wenig Suchtpotential. Nun gut, vielleicht bei Schuhen mit schwindelerregend hohen Absätzen.

So zog ich die Notbremse und den Stecker vom Telefon. Ich kaufte ein Tarot-Deck für ein paar DM und begann, den Tarot zu studieren. Es heisst:  DER TAROT. Sicher hat ihn ein Mann erfunden und so nenne ich ihn nun liebevoll „Mister Tarot“.

Jawohl. Ich studierte ihn, Tag ein, Nacht aus. Mein neuer mysteriöser Geliebter, mit 78 Karten – ohne Kredit: Du musst Dir verdienen, was Du nutzen willst. Manchmal redselig, oft verschwiegen und immer widerspenstig. Manchmal zog sich Mister Tarot in seine Höhle zurück. Er antwortete nicht. Lies mich links liegen, klaute mir meine warme Decke. Die Tage und Nächte waren zu kurz um genug von ihm zu wissen, zu kriegen, zu verstehen. Ich verschlang jede Karte, gleich einem Almosen, käute sie wieder, verschlang sie erneut, verdaute sie schliesslich.

Mister Tarot wurde zu meiner Heimat, zu meiner besten Freundin, zu meinem Geliebten und zu meinem Kühlschrank auch, denn oft vergaß ich das Essen.

Irgendwann wagte ich erste Prognosen. Zuerst bei mir selbst, danach bei anderen. Viele ANDERE sollten folgen und irgendwann folgte mir Mister Tarot wie mein Schatten und hielt mich auf Trab. Er hatte sich in mich verliebt, in meinen rebellischen Dickkopf, in meine überirdische Disziplin, in meine euphorische Ungeduld. Nun ja, er ist eben ein Mann. Mein Glück.

Ich trage seine Karten stets bei mir, wie einen Ehering. Ich schreibe jeden Tag über meinen „Mister Tarot“. Mein erstes Buch steht in den Startlöchern, während ich mittlerweile die Seiten meines zweiten Buches fülle.

Mister Tarot hilft mir, meine Lebensweisheiten in leichte Worte zu kleiden. Ich selbst helfe Mister T. beim Anti-Aging. Er darf moderner, lebensfrischer werden. Er hat durchaus Potential, ewig zu leben. Das darf man sicher auch in seinem Gesicht erkennen. Und so übe ich mit Mister T. täglich Kopfstand. Pünktlich 4.20 Uhr am frühen Morgen. Das hilft mir und Mister T. – frisch, gesund und munter zu bleiben und täglich jünger auszusehen.

Meine Tarot-Deutungen entspringen dem Tanz der Lebensgeister.

Viel Spass mit Mister T. und mir,

Deine Margret